Lieben und Lügen lassen

- eine romantische Komödie -

Beate Boeker

Henry

“Vielleicht solltest Du ein wenig …” ich zögerte und suchte ein Wort, das meinen Sohn hoffentlich nicht zu sehr verärgern würde, “…wählerischer sein.” Beherrscht stellte ich meine Tasse wieder auf die Untertasse und war froh, dass ich mich so ruhig anhörte. Ich bin ein erwachsener Mann. Achtundfünfzig, erfolgreich, angekommen. Es gibt absolut keinen Grund, nervös zu werden, nur weil ich ein ernstes Gespräch mit meinem Sohn führen möchte. Ich warf ihm einen raschen Seitenblick zu, um zu sehen, wie er meine Worte aufnahm.

Der Puls an seinem Hals fing sichtbar an zu schlagen und er fuhr sich mit der Hand durchs Haar, so wie er es immer machte, wenn er ungeduldig wurde.

Für einen Augenblick vermisste ich Kate so sehr, dass es fast schmerzte. Sie hatte sich mit unserem Sohn immer so viel besser verstanden als ich. Wir seien uns zu ähnlich, sagte sie immer. Als sie vor fünf Jahren starb, waren Josh und ich einander näher gekommen – doch nur für eine oder zwei Wochen. Was auch immer Kate gemeint hatte, eines stand fest: Josh und ich hatten völlig unterschiedliche Arten, mit Verlust fertig zu werden. Ich zog mich zurück und wurde noch mehr zum Einsiedler, während Josh sich kopfüber in jegliches Vergnügen stürzte, das sich ihm anbot. Divertimenti, wie die Italiener sagten. Der amerikanische Junge amüsiert sich …

Als der Schmerz nach Kates Tod nachließ, veränderte ich mein Leben nicht. Ich weiß nicht, warum. Vielleicht war ich zu sehr daran gewöhnt, zu faul, etwas zu ändern. Josh amüsierte sich weiterhin auf vielerlei Art und ich schaute mir das schon eine ganze Weile mit wachsender Unruhe an. Wir sollten einander wieder näher kommen. Er war doch mein einziger Sohn und ich liebte ihn. Ich fand es schwer, ihm das zu sagen, aber ich hoffte, dass er es trotzdem wusste. Jetzt war der Augenblick für ein Gespräch bekommen, aber ich musste zugeben, dass ich davor scheute – daher hatte ich es auch so lange hinausgezögert.

„Was meinst Du mit ‘wählerisch’?“ Sein Ton war aggressiv.

Verdammt. Ich hatte den falschen Ansatz gewählt, aber nun war es zu spät. Ich hatte keine Ahnung, wie ich mein Unwohlsein in Worte fassen sollte.

„Vater?“ Josh schaute mich mit seinen blauen Augen an, die so eisig blicken konnten.

„Ich meine …“ ich suchte mit einem Gefühl von Mutlosigkeit nach den richtigen Worten. Alles hatte ich mir vorab zurechtgelegt. Hatte geplant, was ich sagen wollte. War überzeugt gewesen, dass ich ruhig und vernünftig und kontrolliert sein würde. Stattdessen hatte ich nur fünf Worte gesagt und schon verloren.

„Du meinst?“ Sein Mund bekam einen rebellischen Ausdruck. Er war siebenundzwanzig, zu alt, um gesagt zu bekommen, was er zu tun hatte.

Ich entschied mich, ins kalte Wasser zu springen. „Ich habe das Gefühl, dass Du nur herumspielst und das ist nicht gut für dich.“

„Ich spiele herum?“ Sein Kiefer war eine einzige, harte Linie. „Was genau meinst Du?“

Himmel, muss ich es dir buchstabieren? „Frauen“, sagte ich. „Du bringst ständig verschiedene Frauen nach Hause und ich mache mir Sorgen um Dich.“

„Warum solltest Du Dir Sorgen machen?“ Josh runzelte die Stirn. „Ich lebe ein gutes Leben. Ich habe Spaß. Was ist daran falsch?“

„Das ist es ja gerade.“ Ich war froh, dass er mir das richtige Stichwort gegeben hatte, so dass ich wieder zu meinem geplanten Ansatz zurückkommen konnte. „Ich bin mir nicht sicher, ob Du wirklich Spaß hast. Es scheint nur oberflächlich zu sein.“

„Oh, glaube mir, es geht tiefer.“

Ich hasste es, wenn er zweideutige Bemerkungen machte und wie üblich entschied ich mich, diese zu ignorieren.

Josh schob seinen Stuhl zurück, als wollte er aufstehen. „Du sagst mir also, dass ich mich zur Ruhe setzen und Dir Enkelkinder schenken soll, ist es das?“ Wieder fuhr er sich mit der Hand durchs Haar. „Gott, ich hätte nie gedacht, dass es so weit kommen würde.“

Ich zwang mich, ruhig zu bleiben. „Nein, das ist es nicht, Josh“, sagte ich. „Ich möchte dir nur sagen, dass ich mir Sorgen um dich mache. Du bist nicht glücklich.“

„Lass’ mich dir mal was sagen, Vater.“ Josh blickte mir direkt in die Augen. „Es ist sogar gut, dass du das Thema auf den Tisch bringst, weil ich es mit dir besprechen wollte.“

Überraschung flackerte in mir auf. „Was möchtest du besprechen?“

„Ich habe das Gefühl, dass du das Leben nicht richtig lebst“, sagte mein Sohn. „Du bist lebendig begraben. Hier sitzt du, in einer wunderbaren Villa am Gardasee im sonnigen Italien, verwöhnt von Schönheit und Reichtum, und du hast nichts Besseres zu tun, als den ganzen Tag zu Hause zu sitzen. Ich glaube, Du nutzt noch nicht mal mehr den Pool.“

Ich starrte ihn sprachlos an. „Du machst dir Sorgen um mich?“ brachte ich schließlich hervor.

„Ja.“ Josh presste seine Lippen zusammen. „Dein Leben ist sterbenslangweilig.“

„Aber es geht mir gut.“ Gemischte Gefühle kämpften in mir. Ich war gerührt, dass Josh sich Sorgen um mich machte – ehrlich gesagt hätte ich nie gedacht, dass er auch nur mehr als einen flüchtigen Gedanken auf mich verschwendete. Aber wie um alles in der Welt war er nur auf die Idee gekommen, dass ich unglücklich war? „Mach’ dir keine Sorgen um mich“, sagte ich. „Es gibt nicht den geringsten Grund, irgendetwas in meinem Leben zu ändern.“

„Siehst du?“ Josh grinste mich an. „Das ist die gleiche Antwort, die ich dir auch gegeben habe. Und ich glaube dir sogar weniger als du mir.“

Ich schüttelte meinen Kopf. Die Finanzwelt war einfacher als Zwischenmenschliches. Entweder entwickelten sich die Aktienkurse nach oben oder nach unten. Auf beides kann man sich vorbereiten. Aber Menschen waren so unvorhersehbar – sie sprangen zur Seite und ließen dich ganz verwirrt zurück. „Also was schlägst du vor?“

Josh schaute mich nachdenklich an. „Wir haben zwei Möglichkeiten. Entweder wir machen weiter wie gehabt oder wir verändern uns beide.“

Dieses Gespräch entwickelte sich ganz und gar nicht, wie ich es mir vorgestellt hatte. Vielleicht hätte ich besser meinen Mund gehalten, aber ich hatte den Eindruck, dass Kate von mir einen aktiveren Einfluss im Leben unseres Sohnes erwartete, jetzt, wo sie nicht mehr bei uns war und wo er sich auf einem Weg befand, der ihn nur unglücklich machen konnte. „Was genau stellst Du Dir vor?“

„Zunächst einmal …“ Josh nahm sich ein Stückchen Melone mit Prosciutto und grinste mich leicht boshaft an, „brauchst Du eine Frau.“