Winterliebe in Venedig

- eine Weihnachts-Love-Story -

Beate Boeker

Er kam am Abend des ersten Dezembers zu mir. In diesem Augenblick wusste ich noch nicht, dass er tot war – das erfuhr ich erst später. Ich bin nun wirklich nicht der Typ Frau, der an Übernatürliches glaubt. Der einzige Geist, mit dem ich je auf Du und Du war, ist der Weingeist, den ich ab und zu für die Spirituosenabteilung meines Supermarktes in Hamburg einkaufte, aber damit hatte es sich auch schon.

Nichtsdestotrotz war er da. Nicht, dass ich ihn hätte sehen können, oh, nein, es war mehr eine ganz starke Präsenz; etwas, was ich noch nie zuvor gespürt hatte. Fast konnte ich sein Aftershave riechen, genau wie vor zehn Jahren, als ich noch in meinen frühen, leicht beeindruckbaren Zwanzigern war. Wenn Guido einen Fehler hatte, dann war es seine Tendenz, zu viel Aftershave zu benutzen, aber ich glaubte immer, dass das auf seine italienischen Wurzeln zurückzuführen war.

Ansonsten war er perfekt – zumindest dachte ich das am Anfang. Ich konnte mich noch genau daran erinnern, wie wir uns kennenlernten – als ob’s erst gestern gewesen wäre.

Die Sonne brannte auf meinen Kopf an jenem heißen Tag im Juli, als ich, von der Calle Bande Castello kommend, die Brücke überquerte. Das Wasser im Kanal schimmerte wie Glas und der Obstladen an der Ecke hatte einen Berg von Orangen aufgehäuft, die wunderbar dufteten. Meine Handtasche hinterließ rote Streifen auf meiner Schulter, weil sie durch all die Reiseandenken, die ich gekauft hatte, so schwer geworden war. Da lagen wunderschöne Postkarten mit goldener Prägung von der Papeterie Il Papiro, ein blau-weiß gestreiftes T-Shirt, genau, wie die Gondolieri es trugen, Halsketten aus Muranoglas für mich und meine beiden besten Freundinnen – und eine riesige Flasche Sprudelwasser, damit ich in der leise vor sich hin köchelnden Stadt nicht ausdörrte.

Eigentlich wollte ich mich am Ende der Brücke nach links wenden und mich auf die Stufen setzen, die hinunter zum Kanal führten, um mich ein wenig auszuruhen. Doch als ich mich zur Seite drehte, übersah ich eine Kugel Eis, die jemand verloren hatte. Bevor ich wusste, wie mir geschah, rutschte mein Fuß unter mir weg, als ob er auf einem Rollschuh stünde. Meine Handtasche flog zur Seite und ich nahm mit rudernden Armen direkten Kurs auf den Kanal, als ein paar starke Hände mich auffingen und mich wieder sicher auf meine Füße stellten.

Ich starrte in das gut aussehende Gesicht eines Mannes, der ungefähr mein Alter hatte. Er sah mich mit seinen dunkelbraunen Augen an und als unsere Blicke sich trafen, machte es zing.

“Ist alles in Ordnung?” Seine Stimme war wie eine Liebkosung. Er sprach Englisch, aber das wunderte mich nicht – mit meiner Haarfarbe würde mich niemand je für eine Italienerin halten.

“Ja, danke.” Ich räusperte mich. “Entschuldigung. Das war ziemlich dumm von mir.” Ich machte eine Handbewegung in Richtung Eisklecks. “Das hätte ich sehen müssen.”

Mit einem leicht benommenen Gesichtsausdruck blickte er erst auf den Boden, dann zu mir und dann sagte er, “Wo wir gerade von Eis sprechen. Hättest Du gern eines?”

Ich schaute ihm in die Augen und verlor mich darin. Irgendwie schaffte ich es dann doch, meine Sinne ausreichend zusammenzuraffen, um zu nicken.

Er hob meine Handtasche auf und reichte sie mir, dann nahm er meinen Arm, ganz leicht. Schon gingen wir an der Kirche vorbei und über die Piazza zu einem kleinen Geschäft, das selbstgemachtes Eis verkaufte.

Ich kann mich nicht mehr erinnern, welche Sorte ich an dem Tag wählte. Alles was nicht unmittelbar mit Guido in Zusammenhang stand, erschien mir irgendwie vage, damals wie heute. Ich war nur zu Besuch in Venedig und mein Urlaub ging viel zu schnell vorbei. Danach besuchten wir einander, so oft es uns möglich war. Das war eine harte Zeit, doch wir genossen jede gemeinsame Minute. Ich fing sogar an, Italienisch zu lernen, um seine Mutter zu beeindrucken (das hat mich zwar nicht wirklich weitergebracht, aber damals hatte ich noch Hoffnung).

Doch nach einem guten Jahr stellte ich fest, dass wir nicht füreinander geschaffen waren. Er war zu gesetzt, zu bedächtig, zu konservativ. Die Meinung anderer Leute zählte ihm mehr als seine eigene. Seine Mutter gab in seinem Leben den Ton an — was sie sagte, war Gesetz. Keine Diskussion. Er träumte nie davon, jemals etwas Revolutionäres zu tun.

Nicht, dass ich eine Revolutionärin bin. Mein Leben sieht sogar ziemlich zahm aus, wenn man es von außen betrachtet. Aber ich habe eine wilde Ader in mir, ein ganz starkes Bedürfnis nach Unabhängigkeit. Das Leben, das er führen wollte, drückte mir schlicht die Luft ab. Alles war durchgeplant – Arbeit im Familienhotel in Venedig, Hochzeit in der Kirche, in der seine Mutter geheiratet hatte, Grab auf dem Friedhof, wo auch sein Vater begraben lag.

Ich weiß, auf den ersten Blick klingt das unglaublich romantisch … ich meine, in Venedig leben, mit einem heißblütigen Italiener, und gemeinsam das vier-Sterne-Hotel führen. Aber nachdem die erste rosige Verklärung unserer Romanze vorübergegangen war und wir einander gut kannten, stellte ich fest, dass Guido mich an ausgetrocknete Polenta erinnerte – und ich mochte Polenta noch nicht mal, wenn sie gut gemacht war.

Also trennten wir uns, und obwohl ich traurig war, unsere Freundschaft zu verlieren, musste ich auch zugeben, dass ich mich wie befreit fühlte. Ich wurde nicht länger von seinen ständigen Bedenken, Ermahnungen und Befürchtungen zurückgehalten und, was mich noch viel mehr überraschte, ich vermisste seine Gegenwart in meinem Leben gar nicht.

Mein Italienischunterricht machte mir allerdings immer noch Spaß, also setzte ich ihn fort, so dass mein Italienisch mittlerweile ziemlich passabel war.

Ehrlich gesagt hatte ich in den letzten Jahren kaum an Guido gedacht. Wir blieben in Kontakt, nachdem er über die Enttäuschung der Trennung hinweggekommen war. Zweimal im Jahr, zu unseren Geburtstagen, schickten wir einander E-Mails, und das war’s. Seit dem Tod seiner Mutter vor zwei Jahren führte er das Hotel zusammen mit seinem älteren Bruder, was wohl ziemlich schwierig war. Anscheinend war der Bruder ein Luftikus, der das ganze hart erarbeitete Geld in irgendwelche Luftschlösser stecken wollte und Guido musste ihn die ganze Zeit zurückhalten. Nicht, dass Guido das je so formuliert hätte, doch von einigen Bemerkungen hier und da wusste ich, dass die Beziehung ziemlich aufreibend war. Aber das war auch schon alles, was ich von seinem Leben erfuhr.

Doch trotz all der Distanz zwischen uns war er heute Abend hier bei mir. Direkt in meiner Wohnung, ganz plötzlich und unerklärlich. Ich spürte seine Präsenz überdeutlich und konnte an nichts anderes mehr denken. Es fühlte sich an, als ob er mir irgendetwas mitteilen wollte, eine ganz wichtige Nachricht, und das machte mich total nervös. Warum drängte sich Guido einfach so in mein Leben? Und warum heute Abend?

Die Fragen ließen mir keine Ruhe. Schließlich konnte ich dem unguten Gefühl nicht mehr widerstehen. Ich zog meinen Laptop zu mir heran und entschied mich, ihm eine E-Mail zu schreiben.

Dann zögerte ich, während meine Hände schon über der Tastatur schwebten. Ich schaute vom Bildschirm hoch und konnte Guido fast vor mir sitzen sehen, wie er das so oft getan hatte – bequem zurückgelehnt im Stuhl, sein linker Knöchel auf dem Knie, ein Glas mit seinem Lieblingswein, dem Vino Nobile di Montepulciano, in seiner Hand. Er schwang den Wein sanft im Kreis, bis dieser die Innenseiten des Glases benetzte und dann in langsamen Tropfen wieder nach unten sank. Ich sah, wie Guido mir zuprostete und an dem Wein mit geschlossenen Augen roch, auf seinen Lippen das anerkennende Lächeln, das so typisch Guido war.

Ich schüttelte mich. Himmel, war das beängstigend.

Sollte ich ihm mitteilen, dass er mir heute Abend so nahe war? Nein, lieber nicht. Nicht, dass er meine E-Mail falsch interpretierte und vielleicht sogar glaubte, dass ich ihn vermisste und es noch einmal mit ihm versuchen wollte. Darum ging es mir ganz sicher nicht. Doch ich wusste ja selbst nicht, was es war.

Ich schüttelte meinen Kopf, unfähig, meine Gefühle zu verstehen. Eine Ewigkeit verging, bis ich endlich die richtigen Worte gefunden hatte. Am Ende war das Ergebnis wirklich alles andere als spektakulär: “Ich denke heute Abend an Dich. Wie geht es Dir?”

Ich war nicht glücklich mit diesem Meisterstück an Kommunikation,habe die Mail dann aber doch genau so abgeschickt.

Er antwortete nicht.

Ich wartete mit angehaltenem Atem, aber es kam keine Nachricht. Das war überhaupt nicht normal. Guido war förmlich, korrekt, jederzeit bemüht, das Richtige zu tun. Und wenn man eine E-Mail erhält, dann ist es richtig, dass man so schnell wie möglich antwortet. Die Antwort mag vielleicht nicht viel aussagen, vielleicht würde sie sogar eine konventionelle Lüge sein, aber antworten würde er auf alle Fälle.

Meine Nervosität stieg. Dieses starke Gefühl seiner Gegenwart war am nächsten Morgen verschwunden, aber die Erinnerung daran blieb … als ob jemand einen Abdruck in meine Seele gedrückt hätte und dieser dort geblieben wäre, genau, wie ein Fußabdruck in frischem Zement.

Fünf Tage später – es war Sonntag und ich hatte gerade nichts anderes zu tun – setzte ich mich an meinen Laptop und rief die Webseite seines Hotels Palazzo di Ventura auf.

Ich werde diesen Augenblick nie vergessen, und wenn ich hundert Jahre alt werde: Die Teetasse neben mir, über der ein kleiner weißer Dampfkringel schwebte, die Weihnachtsduftkerze, die auf meinem Schreibtisch flackerte, das Prasseln des Regens an der Fensterscheibe und das flauschige Gefühl meines Lieblingspullis auf der Haut passten nicht zu den dürftigen Worten, die ganz oben auf der Webseite des Hotels standen: “Am sechsten Dezember bleibt das Restaurant des Hotels Palazzo di Ventura aufgrund der Beerdigung des Besitzers Guido di Ventura geschlossen.”