Hochzeitstorte mit Todesfall

Florentinische Morde Nr. 1

Beate Boeker

»Ich habe noch nie eine Braut gesehen, die so sexy aussieht.« Carlina trat einen Schritt zurück und lächelte ihre Cousine Emma an. »Die Gäste werden in Ohnmacht fallen.«

Emma drehte sich auf ihren schimmernden Stiletto-Pumps und prüfte ihre Rückenansicht im Spiegel, der von der Decke bis zum Fußboden reichte. Siebzehn Deckenstrahler erleuchteten Emmas schneeweißes Schlafzimmer und zeigten sie in voller Pracht. »Das will ich hoffen.« Sie schwenkte ihren formvollendeten Po in dem hautengen Kleid. »Die Braut mit dem größten Sexappeal in Florenz.« Ihr Lächeln war der personifizierte Triumph.

Carlina nahm den Schleier und hob ihn hoch. Er war weich wie eine Spinnwebe und duftete nach einem Hauch von Emmas Parfüm. Wahrscheinlich hatte Emma ihn schon mehrmals anprobiert und sich im Spiegel bewundert. »Deine neue Schwiegermutter wird allerdings wahrscheinlich einen Schlaganfall bekommen.« Sie zwinkerte ihrer Cousine zu.

»Warum?« Emma schlüpfte unter den Schleier und zog ihn mit den Fingerspitzen in die richtige Position. »Nur, weil das Kleid sexy ist?«

Carlina warf einen Blick auf Emmas Beine und schluckte ihre Antwort herunter. Die späte Septembersonne schien zusätzlich zu den Strahlern, die für die perfekte Ausleuchtung des Raumes sorgten, in Emmas Schlafzimmer und schimmerte auf ihren exquisiten Seidenstrümpfen. Ihre Beine sahen heute noch länger aus als sonst, weil das Hochzeitskleid so kurz war, dass man sich fragte, warum es mehr als ein Monatsgehalt gekostet hatte.

Emma bemerkte das Zögern ihrer Cousine nicht. »Kann ich so gehen?«

Carlina nickte. »Du siehst toll aus.« Die Familie war mit vielen gut aussehenden Frauen gesegnet, und Emma hatte nicht nur die Pfirsichhaut ihrer Mutter geerbt, sondern versprühte eine Energie, die sie noch viel attraktiver machte. Ein leises Gefühl der Melancholie beschlich Carlina. Emma heiratet heute. Jetzt wird alles anders werden.

Die Stimme in ihr machte sich über den Gedanken lustig. Emma wird nach wie vor zwei Stockwerke unter dir wohnen und Lucio wohnt auch schon seit Monaten hier bei ihr. Und sie wird immer deine kleine Cousine bleiben. Jetzt werde bloß nicht rührselig, nur weil es eine Hochzeit ist.

Emma holte tief Luft. »Ich bin froh, dass ich Mama und den Rest der Familie weggeschickt habe. Sie hätten mich in den Wahnsinn getrieben.«

Carlina nickte. »Ganz deiner Meinung.« Sie schaute ihre attraktive Cousine von der Seite an. »Aber sie waren ein wenig beleidigt. Ich war überrascht, dass sie überhaupt gegangen sind, vor allem Benedetta. Ich hatte erwartet, dass sie darauf besteht, bei dir zu bleiben. Immerhin bist du ihre älteste Tochter und die erste, die heiratet und –«

»Das liegt eben daran, dass ich heute die Braut bin.« Emma öffnete ihre Arme weit und warf den Kopf zurück. »Heute bin ich der Star.«

Carlina unterdrückte ein Lächeln. »Du bist immer der Star, und ich hoffe, dass dein großer Tag perfekt sein wird.«

»Natürlich wird er das!« Emma lachte. »Denk an die ganzen Stunden der Vorbereitung! Ich habe auf jedes Detail geachtet. Es kann gar nichts schiefgehen.«

Ein Schauder überlief Carlina. Ich hoffe, die Götter hören das nicht. »Denkst du nicht, dass das Haus sich ganz seltsam anfühlt, jetzt, wo alle weg sind? Es war noch nie so leise.«

Bevor Emma antworten konnte, kam ein Klingelton aus Carlinas schwarzer Abendhandtasche, die auf der weißen Kommode lag.

»Oh nein, nicht schon wieder!« Mit einer geschmeidigen Bewegung beugte sich Emma vor und schnappte Carlinas Arm. »Geh da jetzt nicht ran. Ich finde wirklich, dass deine Assistentin es ausnahmsweise auch mal ohne dich schaffen sollte, den Laden zu schmeißen. Sie hat schon zweimal angerufen. Warum will ganz Florenz an meinem Hochzeitstag Unterwäsche kaufen?«

»Es ist das erste Mal, dass ich Elena ganz alleine im Geschäft gelassen habe und ich habe ihr gesagt, dass sie jederzeit anrufen kann, wenn sie eine Frage hat.« Carlina schüttelte die Hand ihrer Cousine ab und öffnete den winzigen Verschluss an ihrer Handtasche. »Wir haben außerdem noch jede Menge Zeit, also keine Panik.«

Mit geübtem Griff zog sie das Telefon hervor und schaute auf das Display. »Oh nein.« Sie schloss die Augen, als ob das etwas ändern würde. »Es ist Mama.«

»Geh nicht ran!« Emmas Stimme wurde höher. »Ich weiß, dass sie meinen Hochzeitstag verderben wird!«

»Quatsch.« Carlina schüttelte den Kopf und legte zur Beruhigung eine Hand auf Emmas Arm. Emma ist viel nervöser, als sie zugeben möchte. »Ich wette, sie hat nur etwas vergessen.« Sie drückte auf den grünen Knopf. »Ciao, Mama.«

Sie hörte der quakenden Stimme am anderen Ende zu, und unwillkürlich verzog sich ihr Gesicht.

Emma runzelte die Stirn. »Was ist los? Warum schaust du so komisch?«

Carlina machte eine beruhigende Handbewegung und sagte ins Telefon: »Also gut. Keine Sorge. Ciao.« Sie legte auf, warf den Kopf zurück und brach in Gelächter aus.

Emma tanzte um sie herum, zu ungeduldig, um stillzustehen. Ihre Pfennigabsätze hinterließen kleine Vertiefungen in dem cremefarbenen Teppich. »Ich habe kein Wort verstanden. Was will sie? Warum lachst du so?«

Carlina schnappte nach Luft. »Ich hatte recht. Sie hat etwas vergessen.«

»Was?« Emma stemmte die Hände in die Hüften. Ihr roter Mund zog sich an den Mundwinkeln nach unten.

Carlina holte tief Luft und sagte mit Genuss. »Sie hat Opa vergessen.«

Emmas Mund blieb offen stehen. »Sie hat Opa vergessen? Wie hat sie denn das fertiggebracht?«

Carlina schüttelte den Kopf. »Keine Ahnung. Er wollte wohl heute Morgen nicht mitgehen, als sie zum Frisör und zur Maniküre aufgebrochen sind, war noch nicht mal fertig angezogen, also hat Mama entschieden, dass sie ohne ihn losfährt, hat aber vergessen, es mir zu sagen, damit ich ihn dann mitnehme.« Sie fing wieder an zu lachen. »Das ist echt typisch.«

Emma glättete eine nicht vorhandene Falte an ihrem Kleid. »Sie ist nicht ganz normal.«

»Niemand in unserer Familie ist normal.«

»Ich weiß wirklich nicht, warum du so glücklich aussiehst, wenn du das sagst.« Emma schob ihren Schleier zur Seite und funkelte sie an.

»Nein?« Carlinas Lächeln wurde breiter. Sie öffnete den Mund, aber bevor sie ein Wort herausbekam, unterbrach Emma sie.

»Nein, sag es mir nicht. Ich will’s gar nicht wissen.« Sie schaute wieder in den Spiegel. »Wann kommt Onkel Ugo noch mal?«

Carlina sah auf ihre Armbanduhr. »In zwanzig Minuten.«

Emma seufzte. »Ich wünschte, er könnte vor die Tür vorfahren.«

»Wenn du nicht darauf bestanden hättest, die größte Limousine zu mieten, die man in ganz Italien auftreiben kann, dann hätte er das sicherlich tun können. So wirst du die wenigen Schritte zur Via Ghibellina laufen müssen. Er hat gesagt, dass er im Auto warten wird.«

»Er hätte es ruhig versuchen können.«

»Das finde ich auch.« Die Ironie in Carlinas Stimme war nicht zu überhören. »Das muss richtig lustig sein, eine Limo durch eine historische Straße zu quetschen, die lange vor der Erfindung von Automobilen gebaut wurde. Und wer hätte für die Lackkratzer auf beiden Seiten der Limo gezahlt? Du?«

Emma zog eine Schnute. »Du darfst an meinem Hochzeitstag nicht böse zu mir sein. Jetzt lass uns endlich gehen.« Sie drehte sich auf ihren hohen Absätzen um und stolzierte zur Tür. »Ich hoffe nur, dass Opa sich zwischenzeitlich angezogen hat.«

»Du hast vergessen, dein Make-up in die Handtasche zu packen.« Carlina hielt das schmale Täschchen in glänzendem Gold hoch. »Mach das schnell und ich gehe derweil schon mal runter und sehe zu, dass Opa fertig wird.«

Emma zog ihre sorgfältig gezupften Augenbrauen zusammen. »Ich hoffe, Opa beeilt sich. Was ist, wenn er auf einmal wieder eine seiner Schnapsideen bekommt und –«

»Keine Sorge. Alles wird gut. Ich verspreche es.« Carlina schob Emma in Richtung Badezimmer, ein modernes Wunder in Schwarz mit versteckten Strahlern im Boden. »Pack jetzt deine Sachen ein. Ich kümmere mich um Opa.« Sie hing sich ihre Abendhandtasche über die Schulter und verließ Emmas Apartment, um die Treppe hinabzusteigen. Wie immer legte sie eine Hand auf das polierte Holzgeländer, denn sie liebte die glatte Oberfläche und die weichen Kurven, in denen das Geländer vom obersten Stockwerk an allen Familienwohnungen vorbei nach unten führte. Heute nutzte sie ihre andere Hand, um ihr langes Abendkleid hochzuhalten. Die Treppe roch nach Bienenwachs. Benedetta muss es gestern poliert haben. Carlina holte tief Luft.
Die Glocken von Santa Croce schlugen zur vollen Stunde. Carlina blieb einen Augenblick lang auf dem Absatz stehen und lauschte. Wie oft hatte sie schon die Glocken gehört, wie sehr war das Läuten Teil ihres Lebens. Sie liebte dieses Haus, ihr Heim. So lange sie zurückdenken konnte, war es ihr immer wichtig gewesen, schon als Kind, als sie in den langen Sommerferien mit ihrer Familie zu Besuch kam und später, als sie nach dem Tod ihres Vaters ganz hierherzogen. Ein plötzlicher Schmerz durchfuhr sie. Ich wünschte, er könnte heute mit uns feiern. Nach all den Jahren hatte die Trauer nachgelassen aber ab und zu überkam sie ein plötzliches Verlustgefühl ohne Vorwarnung.

Sie schob den Gedanken beiseite und zwang sich, die ausgetretene Holztreppe ein wenig langsamer als sonst herunterzugehen, um in ihren hohen Schuhen nicht zu stolpern. Das Rascheln ihres dunkelroten Kleides klang festlich. Ich habe Emma noch nie so nervös gesehen, aber das ist wahrscheinlich normal, wenn man heiratet. Ich hoffe, sie wird mit Lucio glücklich. Er ist so … so emotional manchmal. Carlina runzelte die Stirn. Aber Emma ist ja nun auch kein sanftes Täubchen. Es wird schon gut gehen.

Sie kam ins Erdgeschoss, wendete sich nach links und klopfte an die grüne Holztür. Als sie nichts hörte, klopfte sie noch einmal, diesmal lauter. Ohne auf eine Antwort zu warten, holte sie ihren Schlüssel aus der Tasche, schloss auf und öffnete die Wohnungstür. Die Wohnung war völlig überheizt und roch nach den Pfefferminzbonbons, die ihr Großvater so gern aß. Sie ging hinein und rief: »Opa, ich bin’s, Carlina! Bist du fertig für Emmas Hochzeit?«

Er war nicht im Wohnzimmer.

Carlina runzelte die Stirn. Was soll das? Ich bin wirklich nicht in der Stimmung, mit einer nervösen Cousine und einem bockigen Großvater Verstecken zu spielen.

Sie öffnete die Tür zur Küche und – erstarrte.

Emmas hochhackige Schuhe klapperten hinter ihr auf den schiefen Steinfliesen des alten Hauses. »Carlina, ist er fertig? Wir müssen jetzt los.«

Carlina starrte auf ihren Großvater, der zusammengesunken auf seinem Stuhl saß, das Kinn auf der bewegungslosen Brust. Seine Augen waren weit geöffnet. »Er … er ist nicht fertig.«