Amore Mortale

Florentinische Morde Nr. 2

Beate Boeker

Ein Schatten fiel über sie.

Carlina schaute vom Verkaufstresen ihres Geschäftes Temptation hoch, und ein spontanes Willkommenslächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus. »Es weihnachtet sehr.«

»Was für eine schöne Begrüßung.« Trevor zog seinen nassen Regenmantel aus und ließ ihn auf die niedrige Bank vor dem Tresen fallen. »Ich fühle mich wie der Weihnachtsmann, der ein wenig zu früh ankommt.« Er trat in den Bereich, den Carlina normalerweise für sich hatte, und legte ihr beide Hände auf die Schultern. »Lass dich ansehen, mein Mädchen.« Seine blauen Augen strahlten. »Du siehst gut aus.«

Sie lachte und nahm seine Hände von ihren Schultern. »Nicht gut genug, bei deinen Ansprüchen.« Eine ihrer Augenbrauen hob sich, als sie zögerlich fragte: »Wer ist es dieses Mal?«

Er lächelte ihr verschmitzt zu. »Ein hinreißender Rotschopf. Sie ist exquisit.«

»Natürlich.« Carlina schüttelte den Kopf. »Ich habe nichts anderes erwartet.«

Sie lehnte sich gegen den Tresen und schob beide Hände in die Taschen ihrer Jeans. Mit einem leichten Stirnrunzeln schaute sie ihn für einen Augenblick an. Die Stille zwischen ihnen war entspannt, als ob sie Freunde wären. Vielleicht waren sie das sogar … obwohl das eine mehr als ungewöhnliche Freundschaft wäre. Sie überraschte sich selbst und ihn, indem sie fragte: »Wirst du dich denn niemals auf eine festlegen?«

Er öffnete seine Augen in gespielter Entrüstung weit und fuhr sich mit der gebräunten Hand durch die schwarzen Haare. Sie wurden an den Schläfen leicht grau, aber das machte ihn nicht weniger attraktiv – im Gegenteil.

Carlina unterdrückte ein Lächeln. Er weiß, wie sexy sein Arm aussieht, wenn seine Muskeln so anschwellen. Darum trägt er ein T-Shirt. Sie warf einen Blick in den Regen hinaus, der auf die alten Gebäude im historischen Stadtkern von Florenz nieder-peitschte, und rieb sich mit den Händen über die Arme ihres hellgrünen Kaschmirpullis, froh, im Warmen zu sein.

»Natürlich werde ich mich nicht festlegen.« Trevors schwerer Siegelring glitzerte im Licht. »Dann wäre das Leben doch ohne jede Würze.« Er schüttelte den Kopf. »Was ist das überhaupt für eine Frage? Ich bin dein Kunde.« Er zwinkerte. »Hat man dir denn gar keine Manieren beigebracht?«

»Die hebe ich mir für die Kunden auf, die sie schätzen.« Carlina lachte zurück. »Es tut mir leid zu hören, dass sie rote Haare hat, denn ich habe gerade ein wunderbares Weihnachtsset in einem fantastischen Rotton ausgepackt.« Sie zeigte auf ein Regal zu ihrer Linken. »Es ist da drüben. Der Slip wird an der Seite zugebunden und ist mit weißen Puscheln dekoriert. Ich habe an dich gedacht, als ich es bestellt habe.«

Er lächelte. »Heb es mir fürs nächste Jahr auf, Carlina. Dann finde ich eine Schwarzhaarige, die zu dem Set passt.«

Er nannte sie bei ihrem Spitznamen, unter dem sie in ihrer Familie und der halben Stadt bekannt war – Carlina – anstelle von Caroline. Das machte ihr nichts aus, aber als sie seine Worte hörte, wusste sie nicht, ob sie lachen oder irritiert sein sollte. »Schämst du dich denn gar nicht?«

»Warum sollte ich?« Er zuckte mit den Schultern. »Ich verspreche den Frauen nicht die ewige Liebe. Sie wissen genau, worauf sie sich einlassen. Ich bin immer ehrlich.«

Carlina legte den Kopf auf die Seite. »Und was ist, wenn sie auf mehr hoffen?«

»Ich kann nichts dafür, wenn sie sich selbst etwas vor-machen.« Er machte eine Handbewegung, als wolle er die Unterhaltung wegwischen. »Aber genug davon. Wie geht es dir? Hast du dich ›auf einen festgelegt‹, wie du es nennst?« Er grinste. »Oder sogar noch besser?«

Das Bild von Stefano erschien vor ihrem inneren Auge, aber sie schob es zur Seite. Selbst wenn sich ihre Beziehung zu Stefano zu mehr als einer romantischen Sehnsucht entwickelt hätte, was leider nicht der Fall war, würde sie sie doch nicht mit Trevor besprechen. Ihre Gefühle waren zu … privat, zu kostbar, um sie mit diesem Mann zu teilen, der jedes Jahr zu Weih-nachten mit einer anderen ausging, als ob diese Frauen Weihnachtsbäume wären, aufgezogen, um vier Wochen im Jahr zu strahlen und danach weggeworfen zu werden.

»Nein«, sagte sie also.

»Nein? Einfach nur nein?« Trevor schüttelte sich vor Lachen. »Wie kann die Besitzerin des wunderbarsten Lingerie-Geschäfts in Florenz – nein, in der Welt! – wie eine Nonne leben?«

»Vielen Dank für das Kompliment. Zum zweiten Teil des Satzes gebe ich keinen Kommentar ab.«

Er seufzte. »Ach, du bist gefühllos.«

Carlina schüttelte den Kopf. »Ich bin nicht annähernd so hart, wie du es bist.«

»Ich?« Die blauen Augen öffneten sich weit, zogen sie in ihren Bann. »Ich bin doch nicht gefühllos.«

»Ich frage mich, ob deine vielen Ex-Freundinnen auch dieser Meinung sind.« Sie schaute ihn nachdenklich an. »Wie machst du das nur?«

»Was?« Trevor strich sich über die Wangen, als ob er sich gerade rasiert hätte.

Wäre er sich nur nicht bewusst, was für ein attraktives Kinn er hat und wie gut es aussieht, wenn er es so anhebt. Dann würde ich ihn noch viel mehr mögen. »Wie wirst du sie nur alle wieder so leicht los?«, fragte sie.

»Das ist alles nur eine Frage der Vorbereitung. Ich sage ihnen von Anfang an, dass wir einige wunderbare Wochen haben werden. Nicht mehr, nicht weniger. Wenn mein Urlaub zu Ende ist, endet die Beziehung. So einfach ist das. Jedes Weih-nachtsfest.«

Seine Worte waren gefühllos, aber seine Ehrlichkeit nahm sie für ihn ein. Er ist einfach viel zu charmant. »War es immer schon so einfach?«

Trevor zuckte zusammen. »Lass uns nicht über die Fehler der Vergangenheit sprechen. Es ist viel zu schön, wieder in Florenz zu sein. Jetzt zeige mir mal, was meiner rothaarigen Schönheit stehen könnte.«

Carlina bewegte sich kein Stück. »Was passiert, wenn du dich jemals wirklich verliebst?«

Er konzentrierte sich auf einen schwarzen Spitzen-BH und warf ihr über die Schulter ein Lächeln zu. »Aber das tue ich doch, meine Liebe. Jedes einzelne Mal.«